Samstag, 23. Januar 2016

Der letzte Wunsch

Vor zwei Nächten gab es wieder eine besondere und außergewöhnliche Begegnung.
Ich befand mich an verschiedenen Orten ohne besondere Bedeutung, so zumindest kam es mir vor. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ich irgendwo auf den Philippinen war, in einer mir unbekannten Wohnung mit lindgrünen Wänden. In dieser Wohnung stand mir plötzlich ein Skelett gegenüber. Es war in einem erbärmlichen Zustand, die Knochen vergraut und überall noch mit letzten Resten modernder, gammelnder Fleischfetzen versehen. Irgendwas wollte dieses Gerippe von mir, doch ich hatte ehrlich gesagt nicht den Nerv, mich darum zu kümmern. Ich war sogar ziemlich angewidert, so verwesend und stinkend, wie das Fleisch von ihm herabhing.
Ich verließ die Wohnung und ging durch die Straßen der Stadt, doch egal, wohin mich mein Weg auch führte, immer war das Skelett schon vor mir da und wartete auf mich. Erst bekam ich Angst und versuchte geradezu davonzulaufen. Aber relativ schnell merkte ich, dass das völlig zwecklos war. Irgendwann war ich so genervt von dieser Art der Verfolgung, dass ich plötzlich mitten im Gehen stoppte und mich so schnell umdrehte, dass das Skelett fast in mich hineinrumpelte.
"Was willst Du von mir?" fauchte ich es wütend an.
Das Gerippe stand völlig regunglos vor mir.
"Ich möchte Dich umarmen", antwortete es schließlich leise und schaute betroffen auf seine knochigen Füße herab.
Das überraschte mich.
Erst überlegte ich eine Weile und entgegnete dann in einem versöhnlicheren Ton:
"Schau doch bitte mal, wie Du aussiehst. Du kannst mich gern umarmen, aber dazu musst Du Dir vorher eine andere Gestalt wählen."
"Oh. Ich verstehe." sagte das Skelett und nur wenige Sekunden später wechselte es sein Äußeres von dem fauligen Gerippe in einen durchschnittlich aussehenden Mittvierziger. Seine Haare waren schwarz und als Kleidung hatte er sich einen beigen Trenchcoat ausgesucht. Sein Gesicht wirkte freundlich und ehrlich. Insgesamt schien er mir mit seiner Aufmachung den frühen 80ern entsprungen zu sein.
"Das ist viel besser", sagte ich.
Daraufhin näherte sich mir der Mann und umarmte mich vorsichtig, aber dennoch herzlich.
Ich gebe zu, ich hatte derweil ziemliche Mühe, nicht daran zu denken, was da in Wirklichkeit gerade seine Arme um mich schlang. Doch gleichzeitig spürte ich in dieser Umarmung eine solche Freude und Erleichterung, dass ich mir jeglichen Kommentar verkniff und meinen aufkommende Ekel herunterschluckte.
Der Mann stellte sich mir anschließend als Dr. Glassner vor, soweit ich verstanden habe ein Fachmann auf dem Gebiet der Physik. Dr. Glassner fackelte nicht lang, sondern teilte mir mit, dass er nicht schwimmen kann und bei einem Sturz von einem Schiff im Meer ertrunken sei. Seine sterblichen Überreste würden noch immer unter der Wasseroberfläche ruhen.

Normalerweise ist das der Punkt, an dem mich solche rastlosen Seelen bitten, ihren Hinterbliebenen eine letzte Nachricht zu überbringen. Aber auch hier überraschte mich mein neuer Bekannter.
"Ich habe nur einen letzten Wunsch. Ich will nicht mehr ertrinken. Bitte komm mit mir ins Wasser und rette mich."
Zunächst verstand ich nicht, was der Doktor da von mir erbat, doch dann ging mir ein Licht auf.
Ich ließ mir von ihm zeigen, wie er damals ums Leben gekommen war:
Etwas, das ihm viel bedeutet hatte, war aus unbekannter Ursache ins Wasser gefallen, und ohne weiter nachzudenken, war Dr. Glassner dem Gegenstand hinterher gesprungen. Ich bin der Meinung, es war eine Art Tagebuch, aber genau konnte ich es nicht erkennen. Während mir mein Gegenüber das Erlebte in Erinnerungen gleich einem Spielfilm zeigte, den er vor mir laufen ließ, beschlich mich immer mehr das Gefühl, dass sein Verschwinden vom Schiff tatsächlich vollkommen unbemerkt geblieben war und niemand jemals nach ihm gesucht hatte.
Dr Glassners Seele lag schon seit sehr langer Zeit verbunden mit seinen Überresten einsam und vergessen auf dem Grund des Meeres. Er hatte keine Familie und keine Freunde, die ihn vermisst hätten. Damit hatte er sich zwar irgendwann abgefunden. Dennoch wünschte er sich mehr als alles andere, dass es wenigstens einen Menschen auf dieser Welt gab, dem sein Leben etwas bedeutete.
Ich war hin und her gerissen. Noch nie hatte ein Verstorbener eine solche Bitte an mich herangetragen. Ich wusste nicht einmal, ob ich bei dem Versuch, ihm diesen letzten Wunsch zu erfüllen, nicht selber mit meinem Leben bezahlen würde. Dennoch hörte ich immer wieder eine Stimme in meinem Inneren, die mir riet, ihm nachzugeben. So ungewöhnlich das Ganze auch war, es fühlte sich einfach richtig an.
Also willigte ich schließlich ein.
Ein erleichtertes, freudiges Lächeln zeichnete sich auf Dr. Glassners Gesicht ab.
"Danke", sagte er, und ich meinte, Tränen in seinen Augen zu erkennen.
Im nächsten Augenblick kippte die Umgebung und ich fiel ungebremst ins Wasser. Geistesgegenwärtig drehte ich mich um und sah Dr. Glasser zwei Meter unter mir. Sein Trenchcoat hatte sich voller Wasser gesogen und zog ihn ungebremst nach unten. Er strampelte wie verrückt, um zurück an die Oberfläche zu kommen. Ich  tauchte blitzschnell zu Dr Glassner hinunter, dessen Bewegungen allmählich immer langsamer wurden, und griff nach seinem Arm. Verzweifelt versuchte ich, ihn mit aller Macht nach oben zu ziehen, doch wir sanken immer tiefer. Seine Kleidung war einfach viel zu schwer. Letzte Luftblasen aus Dr. Glassners Mund verrieten mir, dass sein Tod kurz bevor stand. Auch mir ging allmäglich die Luft aus und der Druck auf meinen Brustkorb wurde immer stärker. So fühlt sich es sich also an, wenn man ertrinkt, kam es mir in den Sinn, während ich mich drehte und nach oben blickte. Ich bedauerte, Dr. Glassner nicht retten zu können, und gleichzeitig auch, selber dabei mein Leben zu verlieren.
Da plötzlich hörte ich Schreie von oberhalb der Wasseroberfläche.
Menschen!
Man hatte unseren Unfall gesehen!
Im nächsten Moment landete ein Rettungsring platschend auf den Wellen. 
Sie helfen uns!, rief ich in Gedanken Dr. Glassner zu, der mittlerweile regungslos neben mir dahinglitt. Das ist es, dachte ich, das ist es, was er sich die ganze Zeit gewünscht hat. Dass man ihn endlich bemerkt, wo er doch er den Großteil seines Lebens einsam und von anderen völlig ignoriert verbracht hatte. Beflügelt durch diese Erkenntnis nahm ich den letzten Rest meiner verbliebenen Kräfte zusammen und strampelte wie eine Irre, um der rettenden Oberfläche näherzukommen. Auf einmal begann sich auch der leblose Körper des Doktors wieder zu rühren und versuchte, mir mit einigen unbeholfenen Bewegungen zusätzlich Auftrieb zu verschaffen. Im allerletzten Moment schossen wir durch die Wellen nach oben und schnappten so sehr nach Luft, dass uns die Lungen brannten. 
"Da, der Rettungsring", keuchte ich und wies auf den an einem Seil befestigten Reifen, der in unserer Nähe auf dem Wasser hin und her wippte. Tatsächlich schaffte es Dr. Glassner, danach zu greifen, so dass wir von den anderen Passagieren an den Rumpf des Schiffes gezogen werden konnten. Als sich mehrere Hände nach uns ausstreckten, um uns aus dem Wasser zu holen, hob ich Dr. Glassners Arm, damit er als Erster gerettet werden konnte.
Aber auf einmal hielt ich nur noch den beigen, nassen Trenchcoat in der Hand.
Dr. Glassner war verschwunden.
Und ich wusste, mit der Erfüllung dieses letzten Wunsches hatte seine Seele endlich Frieden gefunden.

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