Montag, 31. August 2015

Burberry für Flüchtlinge oder Wie ein Schal leise Verständnis schafft

Vor einigen Jahren traf ich Frau Z.
Frau Z. war schon sehr betagt, hatte einen ebenso alten Hund und litt unter einem starken Messiverhalten. Dies ging so weit, dass sie wegen massiver Geruchsbelästigung und noch Schlimmerem die Kündigung ihrer Wohnung erhielt. Letztlich musste sie zwangsgeräumt werden. Am Tag der Zwangsräumung war Frau Z. trotz vorheriger Betreuung unauffindbar. Meine Kollegin und ich machten uns große Sorgen und hielten immer wieder in München Ausschau nach ihr, da wir wussten, dass sie nun obdachlos war. Doch Frau Z. und ihr Hund blieben verschwunden.
Eines kalten Dezembertages erhielt ich den Anruf einer Kollegin aus einer anderen Organisation. Sie hatte Frau Z. und ihren Hund soeben am Hauptbahnhof gesichtet. Ich ließ alles stehen und raste sofort zum genannten Bahnsteig. Mehrmals lief ich das Gleis rauf und runter, bis ich Frau Z. schließlich unter der Rolltreppe fand. Ein bestialischer Gestank schlug mir entgegen. Ich blickte an Frau Z. herunter. Ihre Kleider waren fast nur noch Lumpen und ihre nackten Füße steckten in Sandalen, die sie gegen die Kälte notdürftig mit Zeitungspapier ausgestopft hatte. Nur mit Mühe und sehr viel Einfühlvermögen - hautpsächlich dadurch, dass ich die einzige Fremde war, die der Hund akzeptierte - schaffte ich es, Frau Z. davon zu überzeugen, dass sie dringend Hilfe benötigte. Die herberigerufene "Verstärkung" und ich überredeten Frau Z., mit uns zu einer Münchner Einrichtung zu gehen, in der sie sowohl ärztliche als auch anderweitige Versorgung erhalten sollte. Noch immer hatten wir alle Mühe, uns bei dem furchtbaren Gestank nicht zu übergeben. Als Frau Z. aufstand und sich auf die beiden anderen Helfer stützte - ich durfte den Hund betreuen - sah ich, was die Ursache war. Frau Z.'s Beine waren durch Wassereinlagerungen so stark angeschwollen, dass Haut und Fleisch die Unmengen an Flüssigkeit nicht mehr halten konnten und aufgebrochen waren. Notdürftig hatte sie versucht, ihre tiefen, eiternden Wunden mit einer handelsüblichen Heilsalbe zu versorgen. Die Menge des übelriechenden Wundwassers, das unablässig aus ihren durchlöcherten Waden tropfte, hinterließ kleine Pfützen auf den kalten Fliesen. Die Menschen auf dem Bahnsteig teilten sich vor uns wie das Rote Meer vor Moses, als wir Frau Z. und ihren Hund nach oben zum Transportwagen begleiteten. Viele gafften, aber kein einziger fragte, ob er vielleicht helfen könne. Eine Dame bedachte uns mit einem so angewiderten Blick nach dem Motto, wie man solchen Abschaum nur anfassen könne, dass ich mich dazu hinreissen ließ, ihr in betont ruhigem Ton nahezulegen, sie solle aufhören zu glotzen und beim nächsten Mal vielleicht lieber handeln statt gaffen.
Wir brachten Frau Z. gemeinsam zur Einrichtung. Während sie im ersten Auto fuhr, nahmen der Hund und ich ein Taxi. Frau Z.'s größte Angst war, eingewiesen zu werden und dadurch ihre treue Gefährtin zu verlieren. Wir mussten ihr versprechen, dass wir alles Mögliche tun würden, damit ihre Colliehündin bei ihr bleiben konnte. 
In der Einrichtung wurde Frau Z. hervorragend versorgt, während ihr Hund und ich draussen im Gang warteten. Die ganze Zeit über brachten viele Menschen jede Menge prallgefüllte Kleidersäcke für die Obdachlosen. Es waren offensichtlich sehr wohlhabende Leute, die pünktlich zu Weihnachten ihre wohltätige Ader entdeckt hatten. Besser jetzt als nie, dachte ich mir noch, während ich eingemummelt in meinen dunklen Woll-Kaschmirmantel mit der Hündin wartete. Plötzlich drückte mir eine der Frauen, die soeben noch mehrere Kleidersäcke abgegeben hatte, drei Zwei-Euro-Münzen in die Hand. Mir fiel erst die Kinnlade runter, dann sagte ich irritiert "Danke, aber ich bin nicht obdachlos, ich warte hier nur mit dem Hund auf seine Besitzerin." Die sehr betucht wirkende Frau lächelte mitleidig und drückte das Geld umso fester in meine Hand. "Ja natürlich. Dann ist es eben für den Hund." Sprachs, ging und ließ mich mit Hund, sechs Euro und einer gewissen Fassungslosigkeit zurück. Weder sah ich aus wie eine Obdachlose noch roch ich so. Und doch hatte mich diese Frau soeben als solche eingestuft. Wieso? Noch bevor ich das Ganze verdauen konnte, kam Frau Z. frisch verarztet, gesäubert und mit Sachen aus der Kleiderkammer rundum neu ausstaffiert die Treppe herauf. Ich dachte, ich würde nicht richtig sehen, als Frau Z. jetzt einen nigenagelneuen, echten Burberryschal um ihren vorhin noch so bibbernden Hals trug.
Ich gebe zu, für eine Sekunde kam mir der Gedanke, sie zu fragen, ob sie ihren Schal gegen meinen tauschen wolle. Schnell habe ich das wieder verworfen und ihr die kleine Geldspende zugesteckt.
"Frau Z., ja da schau her, schick schauen Sie aus."
Zum ersten Mal lächelte Frau Z. und nahm sich sofort ihres Hundes an.
"Ja, toll, nicht? Und neue Verbände habe ich auch."
Mit diesen Worten präsentierte sie mir stolz ihre eingebundenen Beine unter ihrer neuen Markenhose.

Die Moral von der Geschichte:
Ob Obdachlose oder Flüchtlinge - das Strickmuster von Leid und Elend ist immer gleich, lediglich die Schattierungen variieren.

Wer also das nächste Mal derart Betroffene mit Markenklamotten auf der Straße sieht und sich darüber aufregt, wie die sich das nur leisten können, so schlecht kanns denen ja dann doch nicht gehen - dem dürft Ihr gern die Geschichte von Frau Z. und ihrem Burberryschal erzählen.
Ich jedenfalls erzähle sie immer, sobald ich derartige Aussagen höre.
Sie hat schon so manchen Kommentar verstummen lassen.

[Frau Z. und ihr Hund wurden übrigens von den Kollegen mitgenommen und gemeinsam in einem Heim im Allgäu untergebracht, in dem die beiden hoffentlich heute noch zusammen leben.]

Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf die großartige Aktion Blogger für Flüchtlinge.

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