Samstag, 6. Juni 2015

"Sag ihnen, dass ich da bin."

Heute Nacht war es wieder mal soweit. Lange war Ruhe auf meinem speziellen Kanal, so dass ich fast dachte, ich hätte meinen besonderen Sinn verloren. Jetzt weiss ich, dass in den letzten Wochen und Monaten einfach nur zu viele persönliche Veränderungen bei mir passiert sind, die mich blockiert haben, so dass meine Antenne nicht empfangsbereit gewesen ist.
Gestern Nachmittag hat eine junge Frau für immer ihren von langer Krankheit gezeichneten Körper verlassen, um endlich frei zu sein. Frei von Schmerzen, frei von der Gefangenschaft in einer Hülle, die in den vergangenen drei Jahren immer mehr unter der Last unserer Welt zerbrach und nun keine Kraft mehr hatte, die in ihr wohnende Seele zu halten.
Ich war heute Nacht auf L.'s Beerdigung. Es war irgendwo relativ abgelegen und die Kapelle nicht sehr groß. Viele junge Leute waren da, ihre Mama und - das konnte ich nicht richtig erkennen bzw. filtern - irgendein Mann (Onkel? Liebe L., tut mit leid, ich bin ziemlich aus der Übung). Es war ein offener Sarg, an den ich herantrat, als alle schon nach draußen gegangen waren. Sie drehte den Kopf zu mir, öffnete die Augen und ihr erster Satz (wie gesagt, ich bin etwas eingerostet) war etwas wie "Scheiße, jetzt ist es also doch passiert."
An das darauf folgende Gespräch kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, denn L. begann wie ein Wasserfall auf mich einzureden. Sie hatte ein immenses Mitteilungsbedürfnis, es gab soviel, was sie ihrer Familie und der Welt noch sagen wollte. Mich hat das in dem Moment schlicht dermaßen überfordert, dass mir nahezu die Leitungen durchgeschmort sind, aber ich ließ L. weiter plappern. Es hätte in diesem Moment auch einfach keinen Sinn gemacht, ihren Redefluss stoppen zu wollen. Das stand mir genau genommen auch nicht zu.
Später stand ich bei L.'s Mama und diesem nicht näher bekannten Mann. Während hier die üblichen Kondolenzbekundungen ausgetauscht wurden, hüpfte L. wie ein kleiner Gummiball um mich herum und drängte mich ununterbrochen, ihnen zu sagen, dass sie anwesend sei:
"Sag ihnen, dass ich da bin", wiederholte sie unablässig wie in einer Endlosschleife. Ich hatte Mühe, mich auf die beiden Lebenden gegenüber zu konzentrieren und flüsterte durch die Zähne nach rechts "L., ich kann ihnen jetzt nicht sagen, dass du hier bist. Du bist gerade gestorben, was meinst du, wie das aussieht, wenn ich ihnen jetzt mit sowas um die Ecke komme."
Gedanklich zeigte ich ihr dabei ein Bild auf, wie man mich mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet von der Trauerfeiert jagt. Daraufhin verstand L. und hörte auf, zu drängen. Sie wirkte geradezu bedröppelt, als täte es ihr Leid, nicht daran gedacht zu haben. In dem Moment verstand wiederum ich, dass dieser neue Zustand von L. noch nicht wirklich realisiert worden war. Sie fühlte sich immer noch als Lebende. Kann man ihr auch wirklich nicht verdenken, zumal ich sagen muss, dass noch nie eine so frisch Verstorbene den Kontakt zu mir gesucht hat. Es war auch noch nie so, dass die Szenerie konkret die Hinterbliebenen beinhaltete. Liebe L., damit hast du mich in dem Moment wirklich etwas überfordert.
Der Mama und dem Mann war in der Zwischenzeit allerdings nicht entgangen, dass ich mit jemandem sprach, der für sie nicht sichtbar war. Sie fingen an, nachzubohren, so dass ich irgendwann in echte Erklärungsnot kam. Daraufhin wies mich L. an, ihnen zu sagen, dass es ihr jetzt gut gehe. Sie werde in den nächsten Tagen versuchen, ihnen ein Zeichen zu geben, dass sie nach wie vor bei ihnen ist. Sie wusste noch nicht genau, wie dieses Zeichen aussehen wird, aber es wird irgendwas mit dem Himmel, einem Sonnenuntergang und etwas, das fliegt zu tun haben. Wenigstens das konnte ich mit sehr vorsichtig gewählten Worten übermitteln, um mich im Anschluss dann ganz schnell und ganz, ganz leise von der Szenerie wegzustehlen. Ich bekam noch mit, wie L.'s Mama und der Mann erst ziemlich benommen dastanden, als müssten sie das Gehörte erst verdauen (natürlich mussten sie das), und dann blickten sie beide gemeinsam zeitgleich zum Himmel.
...
Liebe L., ich möchte mich bei Dir entschuldigen, dass ich nicht in meiner besten Form war, als Du den Kontakt zu mir gesucht hast. Ich hoffe trotzdem, dass ich auf die ein oder andere Weise das weitergeben konnte, was Du vermitteln wolltest, und wünsche Dir für Deine Reise alles, alles Gute. Solltest Du nochmal reden wollen, dann bist Du jederzeit herzlich willkommen. Nur lass Dir damit noch ein klein wenig Zeit und gewöhne Dich erstmal an den neuen Zustand, damit auch Du das, was Dir auf dem Herzen liegt, besser filtern und dann umso klarer vermitteln kannst.
Du weisst ja jetzt, wo Du mich findest ❤

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