Montag, 8. Juli 2013

Schwesternmord

Manchmal, da will der Kopf nicht so, wie man selbst. Dann fragt man sich "Kann ich das eigentlich überhaupt noch?"
Im Sinne einer "Finger-" oder Lockerungsübung (für den Geist) bat ich somit vor ca. einer Stunde meine Freunde über FB, sie sollen mir fünf Worte nennen, aus denen ich dann eine Geschichte formen würde. Die erste, die schrieb, war Little Ivy und nannte folgende fünf Begriffe;

Dunkelelfe, Tanzbein, Schwesternmord, Siebenschläfer, Tautropfen

Nun denn, hier kommt das Ergebnis - Ivy, das ist für Dich:

Schwesternmord


Wie lieblich sich die Tautropfen auf den Blättern der alten Ulme zu einem glitzernden Morgenreigen vereinten.
Hätte sie geschlafen, so hätte deren Funkeln sie sicher geweckt. Doch Shinya hatte nicht geschlafen. Sie hatte überhaupt nicht mehr geschlafen, seitdem sie ihrer Schwester Chala, der ersten in der Thronfolge, unter dem Vorwand eines Geheimnisses im Labyrinth des Falanschlosses den Atem aus ihrer Brust geraubt hatte. Sechs Monde schon zählte sie seit dieser Tat, und sechs Monde hatten ihre Schuld seither mit angesehen. Kein Mond würde mehr wie vorher sein.
Dunkelelfen waren nicht bekannt für ihre Skrupel, und wer der Königsfamilie angehörte, besaß ein vielfach höheres Risiko eines vorzeitigen, nicht allzu natürlichen Abgangs ins Reich der Marten. Dunkelelfen starben nicht. Sie warteten bei den Hütern der Seelen auf ihre Wiederkehr. Shinya wusste, gemessen am Lebensalter einer ihrer Art würde Chala sich innerhalb eines zeitlichen Wimpernschlages wieder auf die Reise ins Leben begeben und dem nachgehen, was Dunkelelfen ihren Namen gab – zu morden, gleich aus welchen Motiven. Sie konnten nicht anders. Es war ihre Natur. Elf, das war nur ein Begriff, der sich in verzierter Form im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen hatte, um das Grauen zu verdecken, welches die Dunklen in sich trugen. Sie besaßen keine Flügel, keine wallenden Kleidchen und lieblichen Gesichter. Die Schönheit ihrer Namen sollte ablenken vom Äußeren, welches nie das Licht der Sonne erblickte.
Doch Shinya hatte sich gewehrt. Sie hatte gekämpft gegen das Verlangen, sich bei Taganbruch in eine finstere Höhle zurückzuziehen und gleich einem Siebenschläfer schlummernd die restlichen Monate des verbliebenen Jahres abzuwarten.
Sie hatte gemordet, und ihre Hände waren voller Blut, auch wenn man es nicht sah. Shinya sah es und nur das zählte. „Jetzt, das ist Deine Chance!“, hatte ihre eigene Mutter Königin Malaya ihr zugeraunt, als Chala, die ihr Tanzbein ausreichend auf dem höfischen Ball der Finsterschaften geschwungen hatte, zum kurzen ausruhen auf die hölzerne Veranda der Trauerweide getreten war. Und mit einem allzu deutlichen Schubs Richtung Nachtluft war Shinya ihrem Auftrag gefolgt, war dem gefolgt, was ihr im Blut lag seit sie die Dunkelheit ihrer Welt erblickt hatte. Wie leicht war es gewesen, Chala ins Labyrinth zu locken, vorgaukelnd, sie hätte jemand Liebreizendes entdeckt, doch könne sie nicht sagen, um wen es sich handle. Denn der Stand, der wäre nicht angemessen. Chala, zu sanft für eine Dunkelelfe, zu zart und zu rein, als dass sie wirklich jemals hätte ihrer Art angemessen leben können, war ihrer Schwester nur allzu gern gefolgt, hatte sie fangen und wissen wollen, um wen es sich handelte. Die letzte Biegung ward ihr Verhängnis, und Shinya hörte im Geiste immer noch das Röcheln und Gurgeln aus erstickenden Lungen, spürte unablässig Chalas Finger, die sich um die ihren klammerten, als sie von hinten den Hals ihrer Schwester umfasste und zudrückte. Nicht die wunderbaren Versteckspiele aus der gemeinsamen Kindheit fanden in diesem Moment Platz in Shinyas Kopf, nicht die kindlichen Teeparties mit ihren Spielzeugen oder das eng aneinander gekuschelte Einschlafen, nachdem eine der beiden vor einem Albtraum zur anderen ins Bett geflüchtet war. In diesem Moment, da gab es nur die Lust zu töten, den Genuss, das entweichende Leben in sich einzusaugen und die Gier zu erlöschen, was man nicht selbst ins Leben gerufen hatte. Das war sie, die wahre Natur der Dunkelelfen, gefangen im Zyklus eines sich ewig drehenden Rades, verdammt auf ewig, wiederzukehren und Zwietracht und Mordlust zu säen, wo immer sie auf fruchtbaren Boden fiel.
Doch auch, wenn die Morde an ihren jüngeren Brüdern Shanal und Katil ihr wie eine lästige Fingerübung erschienen, die sie gleich einem Hund, der seine schmarotzenden Flöhe abschüttelte, ohne mit der Wimper zu zucken ausgeführt hatte, so fand Shinya dieses Mal keine Befriedigung in ihrem Tun. Kaum war Chalas Seele zu den Marten geflogen, ihr leerer Körper schlaff in ihren grobenschlachtigen Händen, da bemerkte Shinya zum ersten Mal etwas, das sie noch nie gefühlt hatte. Und das ihr nicht gefiel.
Reue. Scham. Ein Schuldgefühl, so groß wie tausend Arbenriesen mit einem Kanchinzwerg obendrauf. Chala, die Sanfte. Wie Seide so fließend ließ Shinya den leblosen Körper der älteren Schwester gen Boden gleiten und ergötzte sich an dem Meer aus Tüll, welcher sie umgab wie das Wassergrab einen ertrinkenden Dull. So schön sah Chala selbst im Tode aus, so lieblich ihre Haut, unter der kein Herz mehr schlug… Nein, Chala würde nie mehr wiederkehren.
Wie oft hatte Shinya als Kind an dieser Haut gelegen, hatte sich an diesem Herzen ausgeweint, wenn wieder schlimme Träume oder strenge Gouvernanten in ihrem Kopf ihr Unwesen trieben. Immer war Chala für Shinya da gewesen, immer hatte sie sich Zeit genommen für die kleine Schwester, die von allen als hoffnungsloser Fall belächelt im Teenageralter zur geheimen Hoffnung des Hofstaats avancierte. Shinya konnte sie alle einfach nicht enttäuschen, nicht ihre Mutter, ihren Vater und ihr Gefolge. Sie hatten erwartet, dass sie die Schwäche aus den eigenen Reihen entfernt, dass sie die Thronfolge säubert und ebnet für eine, die es mehr wert war als Chala, die lieber im Mondschein mit den Grillen spielte, als sich um die todeslüsternen Vorhaben im Schloss zu sorgen.
Vielleicht aber, so fragte sich Shinya, während die Sonne ihre ersten Strahlen gen Erdboden schickte, ist es das, worauf es ankommt. Jemand zu sein, der nicht der Etikette folgt, nur weil es von ihm erwartet wird, sondern jemand, der sein Herz in die Welt wirft und mit denen, die folgen, in den Morgen tanzt. Vielleicht ist es wichtiger, zu sein, wer man ist, als das zu leben, was erwartet wird. Vielleicht ist es sogar erstrebenswert, den Zeitpunkt der Reise selbst zu bestimmen. Vielleicht gibt es so viel mehr als das, was erzählt wird. Vielleicht…
Und mit dem ersten Strahl auf Shinyas Haut erloschen Trauer, Reue und Gram. In Sekundenschnelle fraß sich die Reinheit der Sonne durch ihren sündigen Körper und ihren schuldigen, trauernden Geist.
Vielleicht, so dachte Shinya zuletzt, als sie spürte, wie das Licht ihre Zellen zersetzte, sind die wahren Helden im Leben die, die niemals welche sein wollten.
 

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