Montag, 2. Juli 2012

Meeting The Combat Professor

Seit einiger Zeit lerne ich eine besondere Form von Martial Arts Combat namens Systema Atima. Da ich schon länger regelmäßig Sport treiben wollte, Muckibude aber mit all den Posern nicht mein Ding ist, und ich zudem meine Selbstsicherheit, auch aufgrund meines Jobs, stärken wollte, suchte ich im Net nach lokalen Kampfsportstudios und stieß relativ schnell auf eins, das sich oben genannter Kampfkunst widmet. Der zentrale Inhalt von Systema ist, den Schwung des Angreifers für sich zu nutzen und ihn ohne großes Schlagen oder Treten außer Gefecht zu setzen.
Letztes Wochenende nun war der Godfather of Systema Kevin Secours bei uns im Studio, der auch als The Combat Professor bezeichnet wird. Dieser Mann fällt im Alltag nicht auf, er ist nicht sonderlich groß, hat einen grau melierten Bart und unter seinem Shirt erahnt man nicht mal ansatzweise, wie durchtrainiert er ist. Dafür strahlt er eine Energie aus, die fasziniert und elektrisiert, sobald man ihm gegenübersteht. Dieser Mann ist, man kanns nicht anders sagen, der helle Wahnsinn.
Aufgewachsen in Montreal, Kanada, war er seiner eigenen Aussage nach schon früh mit alltäglicher Gewalt konfrontiert. Besonders die Lager Englisch- und Französischsprachiger Kanadier bekämpften sich nicht nur mit Worten, sondern ließen schnell die Fäuste fliegen. Kevin war also früh klar, dass er entweder als Opfer durch Leben gehen kann, oder lernen, sich zu wehren.
Heute ist Kevin DER Spezialist in Sachen Selbstverteidigung, arbeitet unter Anderem als Personenschützer, Security und unterrichtet weltweit Polizei und Privatpersonen in diversen Martial Arts-Techniken.
Ihn zu treffen war für mich wie eine kleine Offenbarung - und dabei hatte ich vor dem Seminar nicht wirklich eine Ahnung, wer mich am bisher heißesten Wochenende des Jahres sechs Stunden pro Tag drillen würde. Kevin vermittelt Dir, dass Du nur durch stetiges An-Deine-Grenzen-Gehen besser werden kannst, diese aber keinesfalls überschreiten sollst. Er berichtet von den unglaublichsten Geschichten aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz und dies auf eine so sympathisch-schnoddrige Art, dass man neben dem Lerneffekt noch jede Menge Spaß hat ("For the ladies - don't just hit a predator a little bit in the scrotum, that'll make him even more angry. Punch him as hard as you can or grab and squeeze his scrotum so hard, so that his testicals will soon turn into chesticals.").
Neben zahlreichen blauen Flecken und Muskelkater deluxe sind es gerade seine Anekdoten, die Kevins Seminare für den Einzelnen so erfolgreich machen (ja, man kann sich wirklich über blaue Flecken freuen). Manchmal fragt man sich, wie dieser Mann aufgrund all seiner Erfahrungen noch so glücklich durchs Leben laufen und an das Gute im Menschen glauben kann.
Er erzählt uns, wie oft er schon verprügelt, angeschossen und niedergestochen wurde - "The first time I got sliced up my arm and I was all like 'Oh my god I'm bleeding, oh my god that hurts!', but after that I got used to it. The second time I've been stabbed right into my shoulder I just looked down on the knife sticking out of my body and thought 'Oh damn not again, I gotta work tomorrow.'" Wir hängen an seinen Lippen, als er uns berichtet, dass in Montreal jeden Tag mindestens 70% aller Polizisten auf der Straße Dienst und regelmäßig 68-Stunden-Wochen schieben, um die Gewalt in Grenzen zu halten. Dass es die Kardinalsregel schlechthin ist, nie nach zwei Uhr Früh in einer Bar rumzuhängen, da um drei Uhr geschlossen wird und in dieser letzten Stunde noch Druckbetankung stattfindet, was jede Nacht zu zahlreichen Schlägereien und Vergewaltigungen führt - "At almost two o'clock I walk to the ladies and tell 'em 'Ma'am you better go home right now because soon it'll become very dangerous here. Shall we order you a taxi? No? Okay you see the guy over there? I promise you that this is the one who will rape you tonight.' And you know what? They hardly listen and then later it happens. It's like watching lambs going to the slaughterhouse."
Systema unterrichtet neben diversen Techniken zur Selbstverteidigung auch, den Blick für potentielle Gefahren zu schärfen, um sie von vornherein zu vermeiden. Die oberste Regel lautet 'Was vermieden werden kann, soll vermieden werden.' Kein Kampf ist immer noch besser als eine abgerissene Augenbraue. Kevin erzählt uns so viel aus seinem Nähkörbchen, dass die rund 30 Männer und (nur) sechs Frauen mucksmäuschenstill an seinen Lippen hängen. Manchmal hört man jemanden scharf einatmen, als er davon berichtet, wie in einer Bar ein Kerl einem anderen blitzschnell mit dem Daumen das Auge aussticht, ihn weiterhin festhält und ungerührt sein Bier trinkt, während der Verletzte an seinem Arm hängt und schreit. Wie - allerdings in Ägypten - ein dicker Kerl beim Kaffee trinken von einem Jugendlichen angespuckt wird, komplett ruhig seine Tasse leert und dann beim Aufstehen blitzschnell nach dessen Ohr greift und es abreißt. Dass es Menschen gibt, die zum töten geboren sind, weil sie keinerlei Schmerz empfinden oder keine Wahrnehmung ihrer Selbst haben - "At home I'm working with kids who have killed at least one person, mostly family members, before the age of 14. Those guys will snap a kitty's neck without blinking an eye, throw the cat away, then look at it and say 'That wasn't me.' And they mean it. Even if you say 'That was you. I caught you on tape.', they could watch it and say 'No, that's not me.' - and still believe it. At a lie detector test, not even their pupils do react and always stay the same size. What do you think is your chance of surviving a fight with such a predator?" 
*schluck*
Mit solchen Geschichten im Hinterkopf ist man selbst nach vier Stunden schweißtreibendem Training noch motiviert, die restlichen zwei durchzuhalten und alles, was Kevin zeigt, förmlich wie ein Borg zu assimilieren.
Richtig Gänsehaut jedoch bekommen wir erst am Schluss des Seminars. In den letzten 30 Minuten diskutieren wir über moralische Grundsätze und Zivilcourage. Kevin fragt uns, ob wir die Geschichte von Luka Rocco Magnotta mitbekommen hätten, der seinen Freund zerstückelt hatte und erst kürzlich in einem Berliner Internetkaffee verhaftet wurde? Bei mir klingelt es sofort - da hatte ich doch was gesehen. Und so berichtet der Combat Professor, was wirklich geschah, denn der Typ hatte sich bei seiner Tat gefilmt, und Kevin, der unter Anderem die Polizei von Montreal trainiert, musste sich das komplette Video anschauen:
"They didn't tell the public everything, some details were kept within. I had to watch the whole video. He took the guy to his apartment and smashed his head with a hammer. Then he tied him on the back to the bed with all fours and slowly cut his head of with a kitchen knife. After that, he put the head on the night desk beside the bed. He cut of his one hand and masturbated with that hand. Then he cut off one foot and sent both separatly to elemantary schools as a joke because he thought it was funny. Then he cut of the other hand and foot and sent them to the parliament because he thought it was funny. After that, he put the body on its back, cut off some stripes of flesh from the butt and ate it. Then he cute off even more and fed it to his dog. Then he sodomized the body. Until now, they're still missing the head. And you know what? This guy just lived two blocks from my house. So what do you think his moral issues are, and what mine should be when meeting this guy? Do whatever is okay for you. If you choose to avoid a situation, that's fine. If you choose not to, then it's okay too but don't cry when you get hurt. My moral issues are not yours, and moral issues may change. For example, I'm a vegan. I would never ever eat something made of an animal. But if me and my family were starving to death, my cat would be in the oven right away."
Als das Seminar vorbei ist, umarme ich Kevin, der mir noch einige Tipps für diverse Übungen gibt, und danke ihm für alles, was er mir an diesem Wochenende beigebracht hat. Am liebsten würde ich gleich weitertrainieren, obwohl mir nach den zweiten sechs Stunden Seminar alles weh tut, und sich bereits die ersten Blessuren zeigen. Es ist schockierend, wie viel Gewalt dieser Mann in seinem bisherigen Leben erfahren hat. Faszinierend, wie er gelernt hat, damit klar zu kommen, und dabei weiterhin an das Gute im Menschen zu glauben. Horizont erweiternd, wie er es schafft, mit simplen Handgriffen nicht nur die größten Angreifer in die Knie zu zwingen, sondern auch gleichzeitig die Priorität darauf zu legen, von vornherein Konfrontationen zu vermeiden und bei Provokationen ruhig zu bleiben.
Man merkt, ich bin schwerst beeindruckt.
Im Februar ist der Combat Professor wieder in München.
Und ich bin auf jeden Fall wieder mit dabei.

Anmerkung - Ich habe versucht Kevins Zitate so wörtlich wie möglich wiederzugeben, garantiere jedoch nicht für deren komplette Richtigkeit.

                               

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