Donnerstag, 14. Juni 2012

Wenn Sekunden alles ändern...

... ist das eine Erfahrung, die keiner anderen gleicht. Sie kann positiv sein, wie in meinem Fall, oder auch negativ, wenn beispielsweise die Ehefrau in der Straßenbahn sitzend zufällig ihren in einem Meeting geglaubten Gatten mit einer Fremden knutschend aus einer Hotellobby kommen sieht. So oder so, dieses "Klick" ist von einer solchen Wucht, dass es sich für immer ganz tief in unseren Gehirnwindungen festbeißt.
Ich habe mir in den letzten zwei Wochen einen persönlichen Wunsch erfüllt, ein Versprechen, das ich mir einst selber gab, als ich Anfang letzten Jahres, gerade frisch in der Trennung steckend, bei meinem Freund Christian nach einem dicken Migräneanfall auf der Couch lag und zur Ablenkung vom allmählich schwindenden Schmerz (danke, Formigran) in einem dicken Wälzer über verschiedene Inseln der Welt blätterte. Recht schnell war mir klar - wenn Du diesen ganzen Mist einigermaßen hinter Dir hast, dann haust Du ab. Auf eine Insel. Und lässt alles für ein paar Tage hinter Dir.
Das habe ich nun gemacht. Anfang Juni flog ich zusammen mit meinem besten Freund Domi auf eine wunderbare Malediveninsel. Gebucht hatte ich eigentlich für mich allein, Aljoscha konnte leider nicht mit. Als Domi das Ziel der Reise sah, meinte er, das sei ja interessant, und ob er vielleicht mitkönne? Aljoscha war einverstanden, die Zubuchung ging klar, und nur wenige Tage später hieß es - wir machen einen Bro-Urlaub. Für mich war von Anfang an klar, dass ich meine Ruhe wollte. Relaxen, ganz viel schlafen, lesen, schnorcheln, einfach nur die Seele in den watteweichen Puderzuckerstrand fallen lassen und nie, nie wieder aufstehen. Aber, wie so oft bei mir, kam es ganz anders als gedacht.


Mitte letzter Woche hatte ich uns einen Schnorchelausflug mitten im offenen Meer gebucht. Domi und ich, die zwei Meeresschisser *hust* Früher als Kind war ich eine ausgesprochene Wasserratte, so dass meine Eltern dachten, dem Kind müssten langsam Schwimmhäute und Kiemen wachsen. Leider gab es irgendwann diverse Vorfälle, die mir den Spaß am Nass verprellten. Wenn das Kind nicht aus der Wanne will, wird eben der Stöpsel gezogen und gesagt "Da kommt gleich ein riesiger Fisch raus und beißt Dich." Toll, was? Irgendwann krönte meine Oma seinerzeit jene eigentlich harmlosen, aber für eine Vierjährige doch prägenden Erziehungsmaßnahmen mit einer Geschichte aus ihrer Jugend, als ihre Pingpongpartnerin (kein Witz!) im Urlaub in einer fürs baden gesperrten Bucht schwamm, plötzlich mit den Armen ruderte, unter Wasser verschwand... und Sekunden später nur noch als rote Lache an die Oberfläche trat. Ihr Mann stand derweil auf einem Felsvorsprung und musste alles mit ansehen. Klar, selber schuld, hätte sie da trotz Warnung nicht gebadet, aber erzählt das mal nem kleinen Kind. Mann war da der Ofen bei mir aus. Wasser war mir seither suspekt und ins Meer traute ich mich höchstens mal mit der großen Zehe. Eine Ergänzung fand ich damals in meinem werten Nochmann, der mittels diverser Berichte eines zum Glück glimpflich ausgegangenen Badeunfalls seinerseits aufgrund unterschätzter Strömung meine Angst krönte (herzlichen Dank auch dafür -.- ). Meer und ich? Nie im Leben.
Aber was macht man denn sonst auf den Malediven? Eben. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich meiner Angst stellen würde, ich wollte einfach einen Strich drunter setzen und wie in Allem ganz neu starten. So fuhren wir also mit dem Dhoni ins offene, weite Meer, nahmen unsere Herzen in die Hand und sprangen mit sinnbildlich voller Hose vom Boot, um eine Begegnung der ganz besonderen Art zu erleben - das Schwimmen mit einem Manta.
Tatsächlich hatten wir Glück und ab und zu erhaschten wir einen Blick auf eines dieser riesigen Geschöpfe, die seelenruhig in einigem Abstand unter uns oder neben uns vorbeizogen. Leider war durch das Plankton die Sicht recht schlecht, doch ohne jenes wäre der Ausflug sinnlos gewesen, stellen  diese Tiere doch die Nahrungsgrundlage der bis zu zwei Tonnen wiegenden Meeresbewohner dar. Es war ein ganz besonderes Gefühl, sich das Wasser mit diesen friedlichen Geschöpfen zu teilen, auch wenn wir sie teils nur schemenhaft wahrnehmen konnten.
Beim letzten Schnorchelgang dann geschah etwas, das mich persönlich komplett um 180 Grad drehte. Witzigerweise sinnbildlich wie auch wörtlich. Irgendwann schaute ich kurz auf und bemerkte, dass die Gruppe sich bereits auf den Rückweg zum Dhoni gemacht hatte, ich somit das Schlusslicht bildete. Hups, da wurde mir ein wenig mulmig.
Ich steckte schnell wieder den Kopf unter Wasser und wollte gerade mit den Flossen zu schlagen beginnen, als ich spürte, wie mich etwas beobachtete. Kennt Ihr das Gefühl? Man kann es nicht beschreiben, es ist plötzlich einfach da. Instinktiv drehte ich mich langsam im Wasser um - und da sah ich ihn. Einen riesengroßen Mantarochen, der frontal auf mich zugeschwommen kam. Das Maul offen, um das Plankton zu filtern, bewegte er sich stetig schwebend auf mich zu. Im ersten Moment fiel mir fast der Schnorchel aus dem Mund und ich dachte "Was mach ich denn jetzt nur?" Zum Glück blieb ich ruhig und erinnerte mich daran, was uns die Gruppenleiter gesagt hatten - dass diese Tiere komplett freundlich und teilweise sogar richtig neugierig seien. Es käme durchaus vor, dass sie sich die Menschen aus der Nähe anschauen wollten. So hielt ich mich also weiter ruhig im Wasser, machte geistesgegenwärtig ein paar Fotos mit meiner kleinen Unterwassercam und ließ den Giganten einfach auf mich zukommen. Er nahm das Angebot interessiert an und schwamm schließlich nur circa 2-3 Meter an mir vorbei in Richtung Tiefe. In diesem Momente spürte ich es förmlich.
Das "Klick".
Das "Klick", das alles änderte.


Plötzlich war sie weg, die Angst vor dem Wasser, vor Strömungen, vor der Tiefe und allem, was sich darin befindet. Ein ungeahntes Glücksgefühl machte sich in mir breit und ich wusste, dass ich soeben wieder in mein altes Naturell aus der Kindheit zurückgefunden hatte. Es ist für Außenstehende sicher schwer nachzuvollziehen, man muss so ein Erlebnis wohl selber erfahren, um es gänzlich verstehen zu können.
Jedenfalls stand für mich danach fest - ich muss meinen Tauchschein erneuern, den ich vor 24 Jahren mal gemacht, aber nie gebraucht hatte. Domi wischte meine letzten Zweifel weg, indem er sagte "Hey, wenn nicht hier, wo denn dann?" und schon hatte ich mich bei der örtlichen Tauchschule angemeldet, um auf den letzten Urlaubsmetern quasi noch einen 3-Tages-Crashkurs zu absolvieren. Was ich bei den Übungstauchgängen erlebte, war sagenhaft.
Unter Wasser ist alles so ruhig und friedlich. Die Meeresbewohner sind dem Menschen gegenüber gesund misstrauisch, aber fürchten ihn nicht, weil sie es - im Gegenzug zu den Tieren an Land - so bisher nie gelernt haben (und hoffentlich auch nie lernen werden). Mein Tauchlehrer Leon erlaubte mir sogar, mit seinem Okay diverse "Kontakte" zu knüpfen:
Ein roter Einsiedlerkrebs mit schwarzen Flusen ließ sich nach einem ersten Angstverstecken in seinem Schneckenhaus plötzlich ganz in Ruhe von meinem Daumen über seinen linken Arm streicheln - er war total flauschig weich.
Eine riesige, grüne Seegurke mit gelben Punkten, die Leon mir auf meinen linken Arm packte, ließ sich ebenso geduldig von mir streicheln. Sie fühlte sich an wie ein riesiger Marshmallow.
Weiß-Gelbe Putzergarnelen hüpften auf meine Hand und fingen an, mir eine kitzelige Maniküre zu verpassen.
Eine Mördermuschel ließ sich den Rand ihres in diversen Violettnuancen schimmernden Innenlebens mit dem Finger streicheln, ohne sich zu verschließen.
Eine Babymuräne streckte mir ihren Kopf entgegen, um neugierig den fremden Gast zu begutachten.
Ein blauer Kofferfisch lag schlafend auf einer vereinzelten Koralle. Ich hätte fast losgelacht, so lustig sah das aus.
Ein Paar großer Kaiserfische schwamm eine Zeit lang neugierig vor uns her.
Ein Feuerfisch versteckte sich in einer Felsspalte und ließ sich geduldig von uns betrachten.
Papageienfische jeglicher Farbe flankierten uns und knabberten emsig an den Korallen.


Ein schwarzer Stachelrochen mit Giftstachel schwamm eine Weile mit in unsere Richtung, bis er sich entschloss umzukehren, indem er direkt unter mir durchtauchte, wodurch ich die Gelegenheit hatte, ihn ganz sachte am Rücken zu berühren. Seine Haut fühlte sich sandig-rauh an.
Und plötzlich hörte ich Leon irgendwas rufen. Ich blickte in die Richtung seines ausgestreckten Armes und sah einen länglichen Schatten in ca. drei Metern Entfernung an uns vorbeigleiten. Ehrlich, da hätte ich mich fast nass gemacht, wäre ich es nicht schon längst gewesen. Später meinte Leon, ich sei ja so ein Glücksschweinchen, denn jener Riffbewohner sei so scheu und würde sich selten Tauchern zeigen.
Ja, der Geigenrochen sei schon beeindruckend gewesen, sagte ich.
'Geigenrochen?', grinste Leon. 'Du meinst wohl Hai. Gitarrenhai.'

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!

Da machte ich mir nachträglich fast noch in die Hose. Und plötzlich wurde mir klar, wie friedlich und scheu sich dieser Hai verhalten hatte. Er hatte so rein gar nichts von der Bösartigkeit und Aggressivität, die uns die Filmindustrie auf die Leinwand klatscht. Und so schlug meine Angst in Bewunderung um. Im Zuge meiner Lektüre für die schriftliche Prüfung fand ich meine Wahrnehmung schließlich bestätigt. Natürlich seien Haie wilde Tiere, unberechenbar und mit unterschiedlichem Aggressionspotential ausgestattet. Generell könne man aber bei jedem (!) Hai davon ausgehen, dass er eine gesunde Portion Neugier mitbringt, gerne mal näher hinschaut, aber bei jeder größeren Bewegung des Tauchers sofort das Weite sucht, da er von Haus aus ein eher scheues Naturell besitze. Zwischenfälle würde es dann geben, wenn der Mensch sich falsch verhalte und das Tier auf irgendeine Art provoziere. Es liege in der Verantwortung eines jeden Tauchers, sich über die angemessene Verhaltensweise gegenüber jener Tiere wie auch gegenüber allen anderen Lebewesen Unterwasser zu informieren.


Am Montag nun legte ich meine Prüfung ab und bestand mit satten 94%. Jippie!

Dieser Urlaub verlief wieder mal - typisch ich - komplett anders als geplant und war für mich der schönste und beste, den ich bisher erleben durfte. Er hat mich komplett umgewandelt, hat mich an meine äußersten Grenzen getrieben und mich veranlasst, mich teils Jahrzehnte alten Ängsten zu stellen. Heraus kam das Gefühl, eine gänzlich neue Welt entdeckt zu haben und die Erkenntnis, all die Zeit irgendwelchen Märchen aufgesessen zu sein. 

Geht raus und stellt Euch Euren Ängsten.
Manchmal denkt man einfach nur zuviel nach und formt sich Probleme, die zuvor gar nicht existierten.
Wenn Ihr das schafft, erfahrt Ihr eine Belohnung, die mit Gold nicht aufzuwiegen ist.

Dies hier ist meine ♥


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