Montag, 23. Januar 2012

Glück - Wie wir es finden und bewahren

Beschwingt fallen die dicken Schneeflocken in kreiselnden Bahnen vom Himmel herab, gleiten langsam an der Fensterscheibe der Tram hinunter, in der ich sitze, um im bereits weiss gefärbten Boden der Strasse zu verschwinden. Es ist Samstag, 09:45 Uhr. Ich fahre in der noch spärlich besetzten Strassenbahn in Richtung Münchner Innenstadt, und geniesse die Ruhe, die das Schauspiel draussen ausstrahlt. Alles ist so hell, so dicht, so freundlich. Allmählich ruckelt die Tram durch die Au und das Glockenbachviertel, eine Strecke, die ich so gerne fahre. Überall so viele kleine Lädchen mit allerlei Tand und Kruschkram, Antiquitäten und selbstgenähten Kleidern, leckeren Cupcakes und herzhaften Backwaren. Es gibt so viel zu entdecken auf dieser Linie, und ich studiere aufmerksam die Inhalte und Namen der vorbeiziehenden Geschäftchen. In diesem Moment nehme ich mir fest vor, diese Strecke an einem folgenden Samstag zu Fuss abzulaufen, und alles, was sich mir bietet, optisch aufzusaugen. Wer weiss, vielleicht findet sich ja auch spontan ein kleiner Schatz?
Ich freue mich, diese Gegend für mich entdeckt zu haben.
Und genau da merke ich, dass ich glücklich bin.
Glücklich und zufrieden.
Ein Zustand, den ich lange vermisst und manchmal mehr, manchmal weniger schmerzlich gejagt habe.
Mit dem Glück ist es wie mit einem scheuen Reh. Erblickt man es auf der Wiese am Waldesrand und stürzt begeistert darauf zu, verschwindet es im Handumdrehen verschreckt im Dickicht. Setzt man sich aber schon einige Zeit vorher auf die Lichtung und verharrt in geduldiger Stille, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Reh sich an die Anwesenheit des Unbekannten gewöhnt und vielleicht auch ein Stückchen näher kommt, durchaus gegeben.
Neulich meinte meine Mama am Telefon, sie hätte nie Glück gehabt und immer für alles, was sie wollte, hart arbeiten und kämpfen müssen. Ich erwiderte, dass das auf der einen Seite durchaus stimmt, sie auf der anderen jedoch nicht vergessen sollte, dass bei aller Schufterei auch hier und dort einmal ein schöner Zufall seine Hand im Spiel hatte. Das war mal ein Anruf da oder ein "Richtige Zeit am richtigen Ort"-Moment dort. Glück bedeutet nicht unbedingt nur, einen Sechser im Lotto zu erwischen oder im Preisausschreiben sein Traumhaus zu gewinnen. Glück ist das, was man selbst als solches erachtet. Und, ganz wichtig - Glück unterliegt stets wie man selbst ständigem Wandel. Hätte man einen meiner Bekannten noch vor zwei Jahren gefragt, was ihn glücklich macht, er hätte sicher geantwortet "Ein gutes Konzert, ein super Abend mit Freunden". Jetzt würde er sich nichts sehnlicher wünschen, als seine Freundin Nana wieder in den Armen halten zu können, die vor 13 Tagen mit viel zu jungen 22 Jahren ihrer Krankheit erlag.



An dieser Stelle möchte ich Euch Nana, die uns alle mit ihrem Mut und ihrer Kraft unglaublich beeindruckt hat, kurz vorstellen und ihr Vermächtnis bei "Recover your smile" ans Herz legen, das krebskranken Frauen durch kostenlose Make-Up-Kurse mit anschliessender Foto-Session Mut machen soll, ihre weibliche Seite sowie ihre Schönheit wieder zu entdecken und sie voller Stolz zu zeigen:



Nana, Du hast in Deinem viel zu kurzen Leben mehr bewirkt, als manch Anderer mit 80 Jahren. Du hast Deine Spuren hinterlassen.
Und das macht Dich unsterblich in unserer aller Herzen.



Noch vor zwei Jahren hätte es mich glücklich gemacht, ein Leben mit meinem NM zu verbringen, vielleicht in einem kleinen biederen Reihenhäuschen mit den obligatorischen 1,2 Kindern, aber auf jeden Fall mit einem Hamster und einem Hund und/oder Kätzchen. Nun, zumindest dachte ich das damals. Denn nach Allem, was in der Zwischenzeit passiert ist, unterlag auch meine Vorstellung von Glück einer gewissen Radikalkur. Der Hamster, der ist mir geblieben, und jetzt, wo ich ihn habe, erfreue ich mich jeden Tag an seinem liebevollen, geduldig-braven Wesen (weiss jemand, was "umschmusen" bedeutet ☺ ?). Das Reihenhäuschen und den Nachwuchs, den habe ich (vorerst) strikt aus meinen Gedanken verbannt, denn ich habe erkannt, dass das einfach nicht mein Ding ist. Oder zumindest jetzt noch nicht. Was mich heute glücklich macht, sind die ganz kleinen Dinge im Leben, denen ich in meiner Ehe so sehr nachgejagt habe (man denke hierbei an das Reh), und die erst jetzt, wo ich mich löse, Schrittchen für Schrittchen in mein Leben treten. Ich bin nun wahrlich nicht der Typ, der sich von irgendwelchen Ratgeberbüchern beeindrucken lässt, da sich Hinz und Kunz zu jedem Psychothema irgendeinen Dummfug aus den Fingern saugen können. Doch erst letzte Woche kam mir zufällig (?) in der Bibliothek ein Buch unter, das mich sofort wie ein Magnet anzog. Also lieh ich es aus. Es heisst "Wer dem Glück hinterher rennt, läuft daran vorbei" (von Russ Harris) und ist ein wunderbarer Orientierungsleitfaden zum Umdenken und vielleicht auch "Umleben". Beleuchtet wird darin, dass der Mensch von Haus aus kein Glücksbärchi ist, das im normalen Alltag mit Tulpen im Po über eine Zuckerwattewiese hüpft, sondern vielmehr zu gut 80% von negativen Gedanken und Sorgen geprägt ist Diese These begründet Harris mit unserer Evolution. Schon der frühe Steinzeitler (von denen es auch heute noch genügend gibt, aber das ist wieder ein anderes Thema) erfreute sich nicht lange am frisch erlegten Wild, sondern schlug sich relativ schnell mit neuen Sorgen herum "Wie lange wird der Vorrat wohl halten? Wann erlege ich wieder etwas? Wie bringe ich meine Familie, meinen Stamm die nächste Zeit über die Runden?". Als ich das las, machte es bei mir "Klick":
Es ist nichts daran verkehrt, negative Gedanken in sich zu tragen, und noch weniger, sie auch zuzulassen. Nur unsere heutige "Höherschnellerweiterspasshochzehn"-Gesellschaft impft uns Tag für Tag ein, dass mit uns etwas nicht stimmt, wenn wir nicht den lieben, langen Tag nonstop das Glücksbärchen geben, und wir das dann schnellstens behandeln lassen sollten. Was für ein Mumpitz! Ich zumindest kann von mir behaupten, dass allein die ersten 100 Seiten für mich mehr Aha-Effekte mit positivem Einfluss hatten, als alle Ratschläge in meinem ganzen bisherigen Leben, weshalb ich Euch diese Lektüre sehr ans Herz lege.
Fragt Ihr mich heute nach meiner Vorstellung von Glück, so sind es mittlerweile Kleinigkeiten, die grosses Potential für mich besitzen. Ein Picknick auf einem Feld an einem schönen Sommertag zum Beispiel. Die liebevolle Geste von Aljoscha, als er ein Stückchen seiner Pizza Regina, von der ich probieren wollte, extra mit Champignons von seinem Eck pimpte, weil auf meinem keine drauf waren. Das Basteln und Werkeln an meiner neuen Nähmaschine, die mir soviel Freude bereitet, auch wenn nur Übung den Meister macht und meine bisherigen Kreationen noch etwas, hmmm sagen wir "knautschig" aussehen. Die Gewissheit, meine eigene Herrin zu sein und das anziehen zu können, was mir gefällt, ohne mich für meinen eher sportlichen, nicht allzu ladyliken Baggypantsstyle kritisieren lassen zu müssen (ich habs mit Röckchen und Stiefelchen versucht, das ist einfach nicht meins und wirds nie sein, so what?).
Geliebt zu werden.
Gesund zu bleiben.
Und einfach nur ich zu sein.
Auch, wenns manchmal noch ein wenig schwer fällt.
Glück findet sich in so vielen Dingen.
Man muss sich einfach nur mal hinhocken, alle bisherigen Muster loslassen und natürlich ein wenig Geduld investieren.
Denn genau dann, wenn man schon nicht mehr damit rechnet, klopft es ganz leise an Eure Tür.

Kommentare:

  1. Liebe Emily :)

    Ich habe Dir einen Award verliehen, weil ich Dich und Deinen Blog so sehr mag. ;)
    Hier der Link zu dem Blogeintrag: http://mila-masu.blogspot.com/2012/01/mein-award.html
    Rockende Grüße, Mila Masu

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  2. Wirklich ein SEHR schöner Beitrag, Du beschreibst das Richtige richtig gut - ohne dass es nach Lebensratgeber in Buchform klingt, sondern immer noch sehr persönlich. Und ich hab mich darin wiedergefunden.

    Wer legt denn fest was Glück ist? Die Leute vermitteln einem immer, dass das Glück in einem Häuschen oder in Kinderaugen oder im Erfolg liegt. Das mag auch passen für manche Menschen, aber für mich nicht - und für Dich offenbar auch nicht. Ich hab dann immer Diskussionen, wenn mir nahstehende Menschen oder auch nur Bekannte sagen: Du solltest jetzt langsam mal Kinderkriegen und Dir eine größere Wohnung nehmen - so kann man doch auf Dauer nicht glücklich werden. Die vielleicht nicht, aber ich schon. Sicher kann man auch noch Sachen verändern oder sie verändern sich von selbst. Aber nur ich allein weiß, was mich glücklich macht und die oben genannten Sachen sind es (zumindest aktuell) bei mir nicht. Mich macht es glücklich, wenn ich Augenblicke ganz intensiv wahrnehme, mein Leben sozusagen intensiv spüre. Dass es irgendwie schön ist, dass ich auf der Welt bin. (Klingt doof, ich weiß!^^)
    Dieses Gefühl hab ich z.B. bei tollen Konzerten, beim Ausschlafen-und-noch-im-Bett-liegen-können, wenn ich einen tollen Film sehe, bei Spaziergängen in der Wintersonne, beim Ankuscheln im Bett an meinen Freund oder wenn ich etwas Skurriles, Morbides, Faszinierendes entdeckt habe...

    Du kannst scheinbar auch gut innehalten und den Augenblick genießen. Das können auch nur wenige. Ist meines Erachtens aber der Schlüssel zum Glück: Zufriedenheit mit den Dingen und das für sich selbst zulassen, sich dazu auf die "eigene Metaebene" zu begeben und von oben zu betrachten.

    Ich sage immer: Wer zufrieden ist und sein Leben etwas entstresst/chilled, bei dem ist das Glück öfter zu Gast.

    Und auch an diesem Spruch ist was dran: "Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich."
    (André Gide)

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