Sonntag, 12. Juni 2011

Der unsichtbare Dritte

Die Zeit mit ihm war wunderschön. Wenn er da war, fühlte ich mich sicher, verstanden, beschützt. Er hat es geschafft, mir nachts die Ruhe zu schenken, die ich so dringend brauchte. In den letzten Tagen war es, als würde ich den ganzen verlorenen Schlaf der letzten 34 Jahre nachholen. Und wenn es doch einmal passierte, wie erst kürzlich, dass wir beide gemeinsam beim DVD schauen auf der Couch einschliefen, er seinen Kopf auf meinen Schoss gekuschelt, und ich dann mal wieder mit rasendem Herzen und Schnappatmung hochschreckte, dann umarmte er mich noch fester und redete beruhigend auf mich ein, dass alles in Ordnung sei, er sei ja da und passe auf mich auf...
Er hat mir nicht nur das Gefühl gegeben, mich zu verstehen, sondern er hat mich tatsächlich verstanden. Er schreckte nicht davor zurück, sich demjenigen zu stellen, der mich seit jeher begleitet. Aber scheinbar hat auch diesmal wieder er gewonnen. Denn wenn ich im Nachhinein zurückblicke, entdecke ich nach und nach Kleinigkeiten, kurze Äusserungen oder Muster im Verhalten meines Exfreundes, die schon daraufhin deuteten, dass auch er so leicht nicht mit dieser Sache umgehen konnte. So fragte er mich bereits vor unserem Urlaub öfter mal, was ich wohl denke, wie es laufen würde, ob er sich ihm vielleicht sogar zeigen könnte. Das verneinte ich, denn wenn eine immer was auf den Deckel kriegt, dann bin das ich. Tja und so kam es auch tatsächlich eines Nachts, es muss wohl diese Woche Montag gewesen sein (genau betrachtet begann ab diesem Zeitpunkt auch der emotionale Rückzug meines Ex). Wir lagen aneinandergekuschelt im Bett, ich war kurz vorm einschlafen, als ich erneut hochschreckte. Er hatte mich angefasst, zum ersten Mal richtig angefasst, hatte meinen rechten Fuss oberhalb des Knöchels gepackt und dann dran gezogen. Es war kein hartes Rucken, eher spielerisch und mir war sofort klar, dass er mich lediglich neckend wissen lassen wollte, dass er immer noch da ist. Mein Ex fragte sofort, was los sei und warum ich ausgetreten habe.
Vielleicht hätte ich es ihm nicht erzählen sollen, vielleicht wäre dann alles anders verlaufen...
Aber was soll man machen?
Heute Nacht haben mein Ex und ich mental kommuniziert. Ich weiss nicht, wer es verursacht hat, er oder ich, es ist einfach geschehen. Ihr kennt sicher diese Szenen aus den Hollywoodfilmen, in denen der Hauptdarsteller durch eine Menschenmenge läuft und man nur ansatzweise sieht, wie ihn jemand streift. Genauso war es heute Nacht. Ich lief durch eine undefinierbare Menschenansammlung und plötzlich berührte mich jemand im Vorbeigehen an der rechten Seite. Ich nahm aus den Augenwinkeln ein Kapuzensweatshirt und eine übergrosse Tarnfleckenhose wahr. Sofort wusste ich, wer es war und drehte mich im Laufen um. Auch mein Ex hatte sich umgedreht und blickte mich mit einem unwahrscheinlich traurigen Blick an. Dann folgte eine Ausblende.
Vielleicht ist es für mich wirklich besser, allein zu bleiben, und sich nur ab und zu etwas Spaß zu gönnen. Er ist ein Miststück (und gerade diese Bezeichnung wird ihn sicher vergnüglich kichern lassen), das sich immer dann melden wird, wenn ernsthafte Konkurrenz ins Haus steht. Die Sache mit dem Anfassen war komplett neu und ich spürte den Druck seiner Hand noch den ganzen Tag darauf.
Wenn nun also schon mein Ex, der mehr über manche Dinge weiss als Andere, vor mir und ihm zurückweicht, indem er schlagartig seine Gefühle abschottet - wie gross sind dann wohl für mich die Chancen, jemals "normal" glücklich werden zu können...?


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