Donnerstag, 2. Juni 2011

Das verlorene Heim

Seit einigen Wochen steht mein Leben nicht mehr still und zieht mich mit aller Macht nach draussen. Witzigerweise flattern mir seit Kurzem immer wieder kleine oder grössere Gewinne ins Haus, entweder in Form von Freikarten für Konzerte oder freien Eintritt auf Parties oder wie gestern ne Buddel Wodka mit einigen Energydrinks garniert (welche von einem guten Freund und mir natürlich standesgemäss vernichtet wurden - ja, zu zweit, wir haben heute auch schon bisserl zu kämpfen). Oder es ergeben sich spontane Touren, mit denen man so überhaupt nicht gerechnet hat, und das sind meistens die besten.
Manchmal frage ich mich, ob ich je erwachsen werde. Und dann wiederum, ob man das jemals wirklich wird. Was heisst denn eigentlich erwachsen werden?
Ist man nur erwachsen, wenn man mit spätestens 30 verheiratet ist, ein Haus gebaut und bereits Kinder in die Welt gesetzt hat? Ist man erst dann erwachsen, wenn man den gesellschaftlichen Normen entspricht? Und wer zum Geier liegt die eigentlich fest?
Ich werde dieses Jahr 35 (schockschwere Not) und auch, wenns noch ne Runde bis dahin dauert, nehm ich das jetzt mal als Anlass, auf die letzten... sagen wir 12 Jahre zurück zu blicken. Was ich da sehe, sind viele gute Sachen, aber auch eine grosse, unschöne. Nein, damit meine ich nicht meine Ehe, denn auch, wenn sie gelaufen ist, wie sie so gelaufen ist, sehe ich sie nicht als Fehler an, sondern als Erfahrung. Wir alle machen Erfahrungen, unser ganzes Leben lang, sie sind das, was unseren Charakter formt.
Das Einzige, was ich mich frage, ist, wie ich mich jemals selber verlieren konnte. Oder ob die letzten 12 Jahre auch einfach irgendwie "dazu gehörten" und mich mit ihren Erfahrungen zu dem machen sollten, was ich jetzt bin. Letzten Samstag, da hatte ich in einer Rockdisse einen dieser superklaren Momente und es schoss mir siedend heiss wie schmerzhaft durch den Kopf "Du hast mindestens zehn Jahre Deines Lebens verschenkt."
Ja, nicht so doll.
Aber besser ne späte Einsicht als gar keine.
Ich war, bin und werde immer eine Metalbraut mit kräftigen Grufteinschlägen sein. Vorbei die Zeiten, in denen ich mich in knappe Tops in rosa und türkis (wuach!) gezwängt und zu irgendwelcher Shakalakamusik bieder verklemmte Bankangestellte angeschmachtet habe. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich auf die Couch zwingen liess, weil ich dachte, so müsse man sich nun einmal verhalten, wenn man "erwachsen" ist. Vorbei die Zeiten, in denen ich meine Musik nicht hören durfte, da als nervig empfungen. Metal ist mein Leben, Goth ist mein Leben, ich liebe es düster, bin von dunklen Gestalten umgeben und fühle mich damit richtig wohl (naja abgesehen vom Letzteren, aber ohne is einfach nimmer).
Zwölf Jahre lang hatte ich mein Zuhause verloren und irrte orientierungslos umher, interessierte mich für Mode und Schmuck, darum, was "in" ist und was man "haben muss", Dinge, die mir heute nichts mehr bedeuten. Endlich habe ich zurück gefunden und kümmere mich nicht mehr darum, ob etwas erwachsen ist oder wie ich mich verhalten sollte. Es scheint zu fruchten, nicht umsonst wurde ich letzte Woche auf 23 geschätzt und musste zum Beweis sogar meinen Ausweis zeigen (juhu!).
Lasst Euch nie im Leben zu etwas bringen, was Ihr nicht tun wollt. Seid Euch und dem, was Ihr wollt und mögt, immer treu. Dieser Spruch ist zwar so platt wie alt, und doch hat er an seinem Wahrheitsgehalt bis heute nichts eingebüsst. Sich selbst zu verlieren ist letztlich gleichbedeutend damit, seine Identität und somit sein (seelisches) Zuhause zu verlieren.
Passt bitte immer gut auf das Eurige auf.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele, liebe Emily!

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  2. Ein sehr schöner Beitrag, der auch sehr berührend ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich in deinem Alter bin und auch nicht das von "Otto Normalbürger" definierte Erwachsenenleben mit Haus, Couch, Wintergarten und Kind führe. Daran habe ich auch wirklich kein Interesse und "Erwachsenwerden" ist auch nicht mein Lebensziel. Manchmal frage ich mich selbst, warum und was mit mir schief ist, aber ich denke, dass ich - wie schon immer - Angst vor Langeweile und Eingefahrenheit habe. Ich mag auch diese Vorstellung von "Arriviertheit" nicht sonderlich. Nur weil ich jemanden liebe und mit ihm zusammenlebe, muss ja nicht der übliche Weg folgen, oder? Das was alle von einem erwarten.

    Du hast absolut recht, man sollte sich von niemandem von außen etwas aufzwingen lassen, was nicht in einem drin ist. Was man nicht tiefinnerlich will. Das war bei mir zum Glück eigentlich auch nie der Fall...aber man sieht ja auch wohin das führt. Zu einem verrückten, aber genussvollen Leben auf dem schwarzen Planeten (und darüber hinaus) abseits der normalen Lebenspfade.

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