Mittwoch, 29. Dezember 2010

Der gute Mensch

Es gibt ihn.
Heute habe ich ihn gesehen.
Er ist keine Figur wie der Sasquatch oder der Yeti, und lebt in der Regel nicht vollends behaart in völliger Isolation. Aber ihn zu finden, das gleicht trotzdem einem wissenschaftlichen Wunder.

Wir alle bezeichnen uns als gut. Nun ja, die meisten von uns, mehr oder weniger. Und die, die sich als abgrundtief schlecht vermarkten, tja die nuckeln sowieso heimlich nachts am Daumen.
Aber was ist es, das uns als gut oder schlecht markiert, und wieso denken wir, dass wir uns diesen Stempel selber aufdrücken müssten?
Gibt es überhaupt gut und schlecht, oder müssten wir nicht eher umdenken in Mensch und Unmensch?
Und falls ja, was ist dann was?
Denn manchmal ist das, was menschlich ist, grausamer als alles, was man fürchtet...

Heute erlebte ich wahrhaft Gutes in einer ungeahnt schlimmen Situation, und wäre dieser Mensch nicht gewesen, ich hätte nicht gewusst, was ich heute dann (noch) vorgefunden hätte.

Gut ist man nicht, wenn man jeden Monat ein paar Kröten anonym auf ein Konto schickt, in der Hoffnung, sie mögen den Bedürftigen zugute kommen, und sich dann selbstbeweihräuchernd auf die Schulter klopft "Ja, grad DIE 5 Euro habens ganz sicher gebracht!"
Gut ist man nicht, wenn man kopflos fragend durch die Gegend läuft "Ich wär ja sooo gerne wohltätig, aber es gibt soviel, was soll ich denn am besten tun?"
Verdammt, karitative Einrichtungen sind keine Shoppingmeile, in der man sich nach Belieben mit Accessoires eindecken kann, die gerade farblich zur Stimmung passen!

Wer etwas tun will, der labert nicht - der macht.
Und das bedeutet nicht, schnell mal nen Fuffi an irgendeine Stiftung zu schicken.
Es bedeutet, verantwortungsbewusst die Augen zu öffnen und sich mal in der näheren Umgebung umzuschauen. Vielleicht fällt einem dann ja auf, dass der Nachbar, der eh schon so klapprig war, in der letzten Zeit gar nicht mehr vor die Tür gegangen ist.
Was kostets Euch, mal zu klingeln und zu fragen, ob noch alles in Ordnung ist?
Was wäre das Schlimmste, das passiert?
Ein Anschiss und eine zugeknallte Tür? Und wenn schon.
Was wäre das Beste, das passiert? Ein dankbarer Mensch, der zwar nicht weiss, wie er mit seiner unheilbaren Krankheit weiter leben soll, aber dem ihr dafür allein mit Eurer Fürsorge ein kleines Licht in der sonst so dunklen Einsamkeit entzündet habt.

Geht raus.
Schaut links, schaut rechts.
Traut Euch, mehr Courage zu zeigen und nicht nur mit Kopfhörern stur an Anderen vorbeizulaufen. Es geht nicht darum, Eure Nasen in fremde Angelegenheiten zu stecken. Es geht darum, ein Signal zu setzen - Du bist nicht allein.
Ob Euch das zu einem guten Menschen macht und Euer Karma kosmisch pusht, das vermag ich nicht zu sagen.
Aber eins kann ich Euch versprechen - es wird Euch seelisch bereichern.

Gute Taten haben rein gar nichts mit Kreditkarten und Kontoauszügen zu tun.
Sie sind ein nettes Wort, eine mitfühlende Geste, ein warmes Essen an kalten Tagen.
Und sie sind so einfach zu vollbringen.
Denn gute Taten beginnen vor der eigenen Tür.

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